Der Versuch zu lieben [Prosa]

Der Versuch zu lieben

Eine Novelle

Wilhelm kannte das hübsche Mädchen ein paar Monate. Es erfuhr alles.
Sein Kleid war von einer Damenhand geschmückt, die Schuhe oft gewöhnlich. Es lächelte maßvoll, man konnte nicht zu schnell schreiten – aber es sagte: „Ich bin nicht grazil, ich bin fett“ ..?
Sein Name war langweilig. Die Freunde hörten es Stefa Frühling nennen und nahmen Wilhelms Einfall hin; das hübsche Mädchen wurde gewöhnt, andere Worte zu hören.
Als sie spazieren gingen und Wilhelm sagte: „Ich hab dich gern, aber ich küsse die Mädchen nicht“, lächelte Stefa Frühling mit rot geöffneten Lippen, drohend: „Das sag ich meiner schönen Schwester!“
Sie gingen oft spazieren. Sie drangen unbesorgt in verlassene Gärten ein. Es war noch Winter da draußen vor der Stadt. Stefa Frühling erzählte, wovon sie nachts geträumt hatte, „vom Verreisen ans Meer“, „von einem Himmel ohne Häuser“ – und wurde Schwatzliese gescholten. Alsbald schrie sie mit großer Kunst wie eine Elster, wurde gelobt und echote alle Vogelrufe nach.
Abends fror Stefa Frühling, Wilhelm trug sie in seinem Paletot. Das große Wickelkind krallte die Hände in sein Haar, eine ungesunde Zärtlichkeit.
Er ging nach Hause: Sie ist nicht fett; das ist nicht präzis. Sie ist prick. Wie sie schrie, die pricke Drossel.
Stefa Frühlings Familie lud ihn ein. Während man plauderte, saßen auf dem Sofa blond und schwarzhaarig Mutter und Mädchen. „Dame und Damenjunges“, dachte Wilhelm.
Dann war der Winter zu Ende. Die Tage fielen auseinander, und Wilhelm verließ die Stadt.
Ihr braun gesiegelter Brief lag morgens zwischen dem Teeporzellan. Er gab ihn seinen Fingerspitzen zum Spielen. Das Format der Umschläge differierte, aber das graphische Bild auf den Briefen hatte photographische Ähnlichkeit. In gleichem Tempo schrieb sie ihre groben, flüchtigen Buchstaben über kleine und große Kuverts.
Im April reiste Wilhelm zurück, durch die Wälder. Die Sonne glänzte und schwankte. „Ich werde in der Stadt eine Postkarte schreiben: Ich bin hier, ich freue mich. Wir wollen spazieren gehen.“
In den Straßen fühlte er das Tupfen von Luft und Sonne in seinem Gesicht. Alles erwartete ihn hier. Alle Müdigkeiten und Ansammlungen waren fort.
Das Zimmermädchen brachte die eingegangenen Briefe. Wilhelm sah nach der Handschrift und bog einen zwischen den Fingern: er würde lächeln bei der Lektüre. Da fiel Stefa Frühlings Photographie dunkel über die roten und grünen Tropfen der Briefmarken auf den Schreibtisch.
Am gleichen Nachmittag sagte Stefa Frühling: „Ich werde heiraten.“
„Natürlich“, sprach er, „wirst du das.“
„Aber ich werde mich zunächst verloben und dann diese Spaziergänge aufgeben.“
„Wenn du verlobt bist, gratuliere ich dir. Ich habe auch ein kleines Geschenk. Denke an mich, solange es vorhält.“ Er hatte einen Karton Konfekt in der Tasche.
Sie sah ihn an. Die Größe seines Gefühls während der Reise machte ihn  verlegen. Werde ich mich morgen grämen? dachte er. Ich liebe sie, wenn sie fort ist; wenn ich sie sehe, tue ich sonst nichts mehr.
Er sagte zögernd: „Ich habe dich nicht geküßt. Ich wußte niemals, ob wir uns liebten. Ich weiß es wieder nicht.“
„Hattest du nicht Angst, daß ich dich verlassen könnte?“
„Ja, im Grunde war ich feige.“
„Und jetzt, da ich dich allein lasse, küssest du mich jetzt?“
„Vielleicht.“
Sie redeten; sie gingen achtlos mit den Worten um; sie infizierten sich mit ihnen.
„Wenn wir uns die Hände geben, sehen wir unsere Augen später nicht mehr?“
Stefas Frühlings Stimme veränderte sich: „Ich bin doch so unschlüssig. Ich muß jetzt allein sein. Ich muß mich entschließen. Ich werde alt. Heiraten, das ist wenigstens etwas Neues. Das andere wäre freilich schöner, was ich nicht bekomme. Wir kriegen es ja nicht fertig.“
„Ja“, sagte Wilhelm, „wir würden auch nicht mehr vollbringen als heiraten: Anekdoten zusammentragen, das Zufällige annehmen, weil es neu ist.“
„Wenn ich es nicht brauchte, wenn ich etwas anderes hätte; ich würde mich freuen, wenn ich nicht zu heiraten brauchte. Mein Mutter rät mir dazu. Sie hat Furcht, ich könnte wieder ausbrechen. Sie meint, wir sollen jetzt nicht zusammen sein.“
„Heirate“, sagte Wilhelm mitleidig und sah sie an und sah ihren Mund: Sehr hübsch, sehr hübsch, dachte er – – – aber was für Gefühle sonst!
Unterwegs zu den Häusern der Stadt begann er die Trennung zu erleben. Das Gesicht der Tage alterte.
Er fand in seinem Zimmer die Lampe ohne Öl. Es war niemand mehr in der Küche. Da setzte er sich an den Schreibtisch und roch an Stefa Frühlings Briefen. Die Sekunden stachen ihn. „Heute kann ich sie nicht mehr sehen!“ sagte er. Es wurde Schmerz in ihm.
Er machte Spaziergänge mit seinen Freunden und spielte abends Schach. Er bat sie in halbem Scherz, ihm eines ihrer Mädchen zu überlassen: „Ich altere frauenlos. Ich bin jähzornig geworden. Suizid drängt sich auf. Ich begreife nicht, daß ich keine Frauen habe.“
„Wir haben auch nur unser Auskommen, keine Rede von Ausschweifung. Uns allen fehlt das Tierherz des Zuhälters.“
„Was soll ich tun?“
„Dich um nichts kümmern. Die Frühling heiraten lassen, wen sie will. Wie wolltest du sie lieben, da es Liebe nicht gibt!“
„Ist also mein Gefühl Schwindel? Ich bringe es nie heraus.“
„Pah, möchtest du mit ihr schlafen? Du lügst, wenn du nicht geil bist!“
Das Gespräch ging weiter, doch Wilhelms Gedanken versteckten sich hier. Er verlangte Hilfe von der Skepsis gegen die Leidenschaft.
In der Nacht fand er keinen Schlaf. Sein Körper blieb heiß. Die Vorstellung seines Verlustes wurde maßlos. Trotzdem wußte er: „Ich liebe sie nicht“, und hatte Stöhnen in der Kehle.
„Die schlimmen Tage werden nicht heilen!“ Er versuchte es mit Sexualität, aber die Fleischesjugend einer Kokotte erlag seinen seelischen Strapazen. Er holte sich Ekel und nervöse Tränen und saß den Rest dieser Nacht halluzinierend am Schreibtisch.
Am dritten Abend besuchte er eine Gesellschaft. Das Haus leuchtete wie ein fremder Stern.
Stefa Frühlings Mutter wurde ein wenig verstört, ein wenig böse, als sie ihn sah, sagte:
„Herr Kreißler, wir wollen uns aussprechen wie ein Mensch zum andern“, sagte: „Die Kleine ist zu Hause und weint. – -“ Er sagte: „Ah, das Kind einer Dame!“ Zitternd. Freudeweiß. – –
Er ging in der Straße. Seidener Fluß Erotik! Luft, die Frauen mit den Brüsten gepreßt hatten, fiel auf ihn. Im Café schrieb er ihr.
„Bleibe meine Freundin! Ich habe niemanden. Ich gehe zu Grunde, wenn du mich verlässest. Ich altere frauenlos. Ich kenne die Dirnen aller Stände, aber ich bin kein Tier mehr. Meine Güte wurde jähzornig nach und nach. Du hast mein Herz geboren, nun herze es – du junge Mutter!“
Sie treffen sich. Mondabends. Der Garten ist grün und die Luft hell. Wilhelm redet nicht mehr. Alles ist entstellt. Er sieht ihr Gesicht und empfindet Schweigen und Haß. Er sitzt schmerzmüde bei ihrer Angst. Er beobachtet die Mädchenangst in ihren Augen. Er spricht freundlich mit ihr und küßte sie nicht. Er genießt die Vergeltung für das, was er an drei Tagen gelitten hat. Seine Grausamkeit erfrischt ihn. Er hilft ihr nicht, sieht ohne Mitleid, daß ihre Liebkosungen täppisch und jungfräulich bleiben und bekommt einen Schluck Küsse über die Lippen. Ihr Kuß ist mager und hat den Geruch von Tränen.
Es dauert eine lange halbe Stunde, dann sagt Wilhelm: „Wir wollen gehen.“

Erstveröffentlichung:
Die weißen Blätter Bd. 1, Jg. 1913/14, 2. Semester, Nr. 7 (März 1914)