Mann und Menschfrau

Der Park beleckt, ein grüner Katarakt,
Das weiße Haus, in dem wir nach uns greifen.
Du hast Angstaugen. Um die Fenster streifen
Ahorne braun und indianernackt.

Sturm hat die Nacht, die Negerin, gepackt.
– Du wirst doch diese Herzart nicht begreifen.
Laß aus dir trinken, und ich werde reifen.
Verdorrte Augen überschwemmt dein Akt.

Du kriegst ein Kind. Ich werde einsam sterben
In braunen Muskeln und vom Tag gedörrter.
Jetzt könnten deine Arme mich entfärben.

Orient und Eden machst du gegenwärtig.
Wir wandeln nackt durch baumige Hirnörter.
Engel – dein weißer Bauch ist dunkelbärtig.

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)


Homme et humain femme

Le parc lèche, verte frondaison,
La maison blanche où nous nous empoignons.
La peur dans tes yeux. Les érables bruns
Frôlent les carreaux, nus indiens.

La tempête a saisi la nuit, négresse,
Cette forme de câlin, t ne la comprendras.
Laisse-moi boire à toi pourque je mûrisse,
Les yeux calcinés, ta nudité les noie.

Je mourrai seul, tu attends un enfant.
Mes muscles bruns, par les jours desséchés,
Tu pourrais les blanchir maintenant.

Tu rends présent l’Eden et l’Orient,
Dans une forêt cérébrale nous flânons nus.
Ange, ton ventre est sombrement barbu.

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Die schlafende Erna

Auf einer Ottomane aus Mohär
Liegt sie in Seidenröcken, eine Truhe
Voll Nacktheit, und ich denke voll Unruhe
An dein Geheimstes – schönes Sekretär.

Die Frauen tuen Wundervolles in die Seide.
Am Knie beginnt es. Ich will es auspellen,
Wenn Küsse summen nach hautsüßen Stellen
Im Bett, daß wir nicht schlafen können beide.

Du großes Mädchen, die noch kleinen Brüste
Schmücken dich mir. Auf den geheimen Schmuck
Hast du die linke weiße Hand gelegt;

Ich dachte: Soll die eine, die sie trägt –
Die schwarze Blume welken von den Druck?
Und nahm die Hand weg, die ich leise küßte.

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

Friedrichstraßenkroki 3 Uhr 20 nachts

Die Friedrichstraße trägt auf Stein
Die blassen Gewässer des Lichtes.
Die Dirnen umstehn mit Hirschgeweihn
Die Circe meines Gesichtes.

Ich schaue: – Der Träume Phosphor rinnt
In zwei, vier Menschenaugen neu.
– Wie eine Katze springt, gefleckt, der Wind
Zwischen des Asphalts Lichterstreu

Und trägt den fetten, weißen Rauch
Im Maul den jungen Winden ins Nest.
Er faßt die Dirnen an den Bauch
Und klemmt die dünnen Röcke fest.

– Da sind Gesichter, lachen nett,
Daß alle Zähne blecken müssen;
Die Louis zeigen ihr Skelett,
Louise läßt mich ihres küssen.

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

Erläuterungen:
Louis. Slang für Zuhälter

Der Dichter

Die Antlitzlast auf seinen Schädelknochen,
Wie ein Museum, und die Schmerzen hängen,
In großen Augen, blicklos und gebrochen,
Und in dem Mund, verzerrt von den Gesängen.

Es kommt heraus, Dunkles des Blutes, quillt.
Er wird wahnsinnig aus Liebhaberei.
Sein Mund geht lüstern auf. Er lächelt wild.
Hinter die Zähne bergend seinen Schrei.

Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 4, Jg. 1914, Nr. 5 (31. Jan.)


Le poète

Tout le poids du visage comme un musèe
Sur la boîte crânienne, et la douleur pend
Dans de grands yeux sans regard, brisés,
Et dans la bouche tordue par les chants.

Enfin il sourd du sang, le jet obscur,
De passion il devient dément.
Sa bouche grimace de volupté. Sourire
Sauvage, il cache son cri derrière ses dents.

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)

Berlin

Die Stimmen der Autos wie Jägersignale
Die Täler der Straße bewaldend ziehn.
Schüsse von Licht. Mit einem Male
Brennen die Himmel auf Berlin,

Die Spree, ein Antlitz wie der Tag,
Das glänzend meerwärts späht nach Rettern,
Behält der wilden Stadt Geschmack,
Auf der die Züge krächzend klettern.

Die blaue Nacht fließt in den Forst,
Sie fühlt, geblendet, daß du lebst.
Schnellzüge steigen aus dem Horst!
Der weiße Abend, den du webst,

Fühlt, blüht, verblättert in das All.
Ein Menschenhände-Fangen treibst du
Um den verklungnen Erdenball
Wie hartes Licht; und also bleibst du.

Wer weiß, in welche Welten dein
Erstarktes Sternenauge schien,
Stahlmasterblühte Stadt aus Stein,
Der Erde weiße Blume, Berlin.

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

Nach der Nacht

Laternen, die den Regenabend führen,
Haben die Stadt, die glänzende, verraten.
Eiweißer Eiter tropft im Lichteratem
Der Friedrichstraße, wo sich Dirnen rühren.

Die Augen kriechen aus den Faltenlidern
Und spritzen einen Blick, der dich begießt.
Sie lachen sich das Kleid vom Bauch; du siehst
Die Brüste – Krötenbäuche in den Miedern.

Du flohst, und Vögel sangen für dich junitags.
Der Morgen senkte sich in dein Gesicht.
Es schlugen die Uhren an, weckten das Licht.
Doggengebell des Turmuhrstundenschlags.

Du öffnest deinen Mund, der ist lichtzahnig.
O Wanderungen im Gestein der Stadt!
O Röcheln, Schreie, seelenquälend Rad! –
Es sprudelt aus der Morgenröte sahnig.

Du schweigst. Hinter den dunklen Augen ruht
Das Hirn vom Krampf der tötenden Arsene.
Du lächelst, blickst – und da betritt die Szene
Die Sonne, jugendlich, im Wolkenhut.

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

Linden

Mit Wald gepudert und Laternenschein,
Schreiten die Linden und ein paar Platanen
– Unter den Bäumen sind sie Kurtisanen –
Den Mädchenstrom Kurfürstendamm hinein.

Ihr Wäldermädchen mit den Laubfrisuren –
Man muß wohl Wind sein, um euch zu umarmen.
Hübsche Dryaden, träumt ihr von den Farmen
Am Strom und Wiesen zwischen Weizenfluren?

Den Pfeil von Glühlicht in dem grünen Haar,
Aha! Ihr seid schon elegant geworden,
Jüdinnen, – die ich liebte, ein Barbar,

Im Blut Unwetter und den wilden Norden.
Es schien der Mond, verlor sich ohne Rest,
Jetzt liegt er da, ein Ei, im Wolkennest.

Erstveröffentlichung: „Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

Erläuterungen:
Dryaden. Begriff der griechischen Mythologie für Baumnymphen


Tilleuls

Poudrés de forêts et de réverbères
Entrent les tilleuls et quelques platanes
—Parmi les arbres ce sont des courtisanes —
Avenue des Ėlecteurs, flot de jeunes filles.

Nymphes des forêts avec vos coiffes de feuilles —
L’on doit être le vent pour vous embrasser.
Jolies Dryades, rêvez-vous de fermes bordées
De fleuves et de prés entre les champs de blé?

La flèche d’éclat dans vos cheveux verdis,
Ah ! vous voilà élégantes déjà,
Juives, — que j’ai aimées, ce barbare, moi,

Dans mon sang la tempête et le nord sauvage.
La lune luisait, sans traces elle se perdit,
Maintenant gît là, un oeuf dans son nid de nuages.

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions des poèmes de Paul Boldt)

Mädchennacht

Der Mond ist warm, die Nacht ein Alkohol,
Der rasch erglühend mein Gehirn betrat,
Und deine Nacktheit weht wie der Passat
Trocknend ins Mark.

Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen.
Mich hungert so – ich küsse deine Lippen.
Ich reiße dir die Brüste von den Rippen,
Wenn du nicht geil bist!

– Küsse sind Funken, elektrisches Lechzen
Kupferner Lippen, und die Körper knacken!
Mit einem Sprunge sitzt mein Kuß im Nacken
Und frißt dein Bäumen und dein erstes Ächzen.

Und als ich dir die weißen Knie und,
Dein Herz verlangend, allen Körper küßte,
Geriet mein Schröpfkopf unter deine Brüste;
Da drängte sich das Herz an meinen Mund.

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

Tiergarten

Birken und Linden legen am Kanal
Unausgeruhtes sanft in seinen Spiegel.
Ins Nachtgewölbe rutscht der Mond, ein Igel,
Der Sterne jagt und frißt den Himmel kahl.

Mädchen sind da, und wir sind sehr vergnügt.
Ich schmeiße nach dem dicken Mond mit Steinen;
Die Betty küßt mich, und er soll nicht scheinen,
Weil Bella schweigt und naserümpfend rügt.

Die Sommerstädte liegen um den Park.
Es wird sehr hübsch! Der Süden wandert ein!
Die Sonne wächst! Wie nackte Männer stark

Schreiten die Tage, Frühjahr in den Hüften.
Die schwarzen Linden kommen überein,
Morgen zu grünen in den süßen Lüften!

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

Die Sintflut

Die Wolken wachsen aus den Horizonten
Und trinken Himmel mit den Regenhälsen.
Die Menschen bissen auf den höchsten Felsen
In weiße Stirnen, die nicht denken konnten,

Daß Läuse aus dem Meer, die See, krochen.
Im Abendsturm ertranken lange Pappeln.-
Sie hörten auf der Nacht die Sterne trappeln,
Die in dem All den warmen Erdrauch rochen,

Dann schwamm die Sonne in dem glatten Wasser.
Das Wasser fiel. Die See faulten ab.
Die Erde trug der Meere hellen Schurz.

Die Sterne standen, von Begierde blasser,
Mit dünnem Atem an des Ostens Kap.
Ein Stern sprang nach der Erde, sprang zu kurz.

Erstveröffentlichung:
„Junge Pferde! Junge Pferde!“ (1914)

2. Aufl. 1918, Z. 5 & 10 = Seen


The Deluge

From where the sky begins, the clouds ascend
And drink the heavens with their throats of rain.
Atop the highest rocks, the people strained
To bite blanched wits that could not comprehend

How lice could creep out of the sea, as lakes.
In last night’s storm, the tallest poplars drowned.—
They heard the stars cross night with tripping sounds
And sniff in space the scent of earth’s warm haze.

The sun then swam in water without waves.
The waters fell. The lakes all ebbed away.
Earth wore the lucent apron of the sea.

The stars stood faint, deprived of what they craved,
With raspy breath above the Eastern Cape.
One star sprang at the Earth, but missed its prey.

Lyrics by Paul Boldt in English Translation
by Daniel J. Webster


Le déluge

De tous les horizons des nuages grandissent
Et de leur cous de pluie le ciel engloutissent.
Des êtres humains sur les plus hauts rochers
Mordent des fronts blancs qui ne peuvent imaginer

Que rampaient les poux, les lacs, de la mer.
La tempête du soir noyait les peupliers.
Ils entendirent les étoiles sur la nuit piétiner
Flairant de l’espace la chaude odeur de la terre.

Puis le soleil flotta sur des eaux étales.
L’eau baissa. Les lacs croupirent.
La terre portait de la mer le tablier pâle.

Blafardes d’envie, les étoiles debout,
Cap à l’est faiblement respirent.
L’une saute vers la terre, trop court.

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)