Andere Jüdin

I

Im Norden sind die Ebenen, da steigen
Die Ströme zitternd in das Meer,
Das sie verhüllt. Der Wind weht Wogen her.
Das Wasser schweigt, und die Sternbilder schweigen.

Du stiegst hinab mit deinem weißen, leisen
Lachen sprudelnd und deiner Brüste Schaum.
Antworte doch! Bist du noch in dem Raum,
Wo meiner Augen Vögel schreien, kreisen?

II

Der Wind ist in den Eichen,
Die sich nach Westen legen
Und diesen kleinen, bleichen
Himmel zusammenfegen;

Ich atme schlecht! Ich zucke
So an der Luft! Untätig.
Mir ist vom steten Drucke
Nicht mehr viel Ich vorrätig.

Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 21 (21. Mai)

Im Inhaltsverzeichnis von Die Aktion wurde das Gedicht als “Die zweite Jüdin” getitelt.


Anmerkung: Die zweite Strophe von Teil I. ist für die Buchausgabe völlig umgeschrieben worden.
Die beiden Gedichtteile wurden getauscht, sodass die Erstveröffentlichung wie folgt lautete:

Andere Jüdin

I

Der Sturm braust in den Eichen,
Die sich nach Westen legen
Und diesen kleinen bleichen
Himmel zusammenfegen. –

Ich dunkle so, ich lebe
Einsamer und versteint,
Weil über mein Gewebe
Dein Antlitz nicht mehr scheint.

II

Im Norden sind die Ebenen, da steigen
Die Ströme zitternd in das Meer,
Das sie verhüllt. Der Wind weht Wogen her.
Das Wasser schweigt, und die Sternbilder schweigen.

Du stiegst hinab mit deinem weißen, leisen
Lachen sprudelnd und deiner Brüste Schaum. –
Antworte doch! Bist du noch in dem Raum,
Wo meiner Augen Vögel schreien, kreisen?

Frühjahr

Die ganze Nacht durch kamen Wanderungen
Wie auf der Flucht, in sohlenloses Schreiten
Vermummt. Am Morgen bargen es die Weiten:
Nur Sturm schwimmt durch die dunkelen Waldungen.

Als wäre allem Licht ein Tor gesprungen,
Will es sich in die Aderbäume breiten,
Darin die Pulse spülen, Säfte gleiten
Wie Frühjahrsströme durch die Niederungen.

Mein gutes Glück, märzlich dahergetänzelt.
Mädchen, gut, daß du Weib bist! Diese Stunde
Verlangt das. Küsse mich! O unsere Munde

Haben noch niemals um ihr Glück scharwenzelt.
Du – du – dein Haar riecht wie der frühe Wind
Nach weißer Sonne – Sonne – Sonne – Wind.

 

JP JP 1

Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 3, Jg. 1913, Nr. 19 (7. Mai)


Spring

The whole night through, migrations came as though
In flight, with muffled steps, sans feet or limbs.
By morning, open fields had sheltered them:
The darkened woods, the sole place storms would blow.

As if a gate sprung open just to wash
The world with light that wished to spread through veins
Which pulses cleanse, the tree-sap glides in streams
Of spring and floods the lowlands and the marsh.

Like March, good fortune ambles up to me.
Young girl, it’s good that you are woman. This hour
Demands it. Kiss me! We don’t need to purr

Some phony words to reach our ecstasy.
Ah you, your hair smells of the early wind
Of white-hot sun—of sun—of sun—of wind.

Lyrics by Paul Boldt in English Translation
by Daniel J. Webster