Oktobernacht

Schon kam die Erde mit den schönen Bäumen
Dem Winter nah, der alles Grün verschluckt.
Oktober wird, wo uns das Hirn noch juckt
Von überroten, klaren Sonnenträumen.

Wir Planetiden. Dunkelheiten schäumen
Novemberher. Die Erde friert und duckt
Sich vor dem Mond, aus dem ein Leuchten zuckt
Und duftweiß flimmert an den Wolkensäumen.

Der gelbe Herbst, in seinem Mantel aus Regen,
Kommt von den Wäldern, ein befleckter Schlächter.
Laub liegt wie Blut auf sonst besonnten Wegen.

Dann kann es sein, eines der Rinder schreit
Lange zum Mond. Der zuckt und leuchtet matter
Durch laute Bäume in die Dunkelheit.

Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 39 (25. Sept.)

Hunger

Die Regen liegen im Getreide, schmatzend.
Tags, nachts zerschlägt der Himmel wie Eidotter.
Der schwarze Sturm schlüpft aus, wie eine Otter,
Das goldne Turmkreuz aus den Wolken kratzend.

Der Hunger spreizt wie eine Vogelscheuche
Die Arme breit aus einem Weizensumpf
Und stelzt ins Dorf, mit dem klappernden Rumpf
Die Schlange lockend aus dem Fluß – die Seuche.

Der Bauer Czeska mit den andern Schalken
Scharren voll Scham erst in der Dämmerung
Die Nachgeburt der Rinder aus dem Dung.

Die Kinder lesen Spinnen von den Balken.
Man stirbt. Man legt die Leichen grün und jung
Wie Heringe in Kalk, wo sie zerwalken.

Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 38 (18. Sept.)

Erläuterungen:
Czeska. Poln. von czeski: „tschechisch“.
Schalken. Von ahd. scale: „Knecht“.

Nächtige Seefahrt

Die Winde sind von einem Möwen-Dutzend
Geschwämzt und schlagen durch die Luft, dumpf, pfeifend.
Und hart herrollend, seltsam vorwärtsgreifend,
Zerbraust das Meer, der Riffe Rücken putzend.

Es klatscht das Segel, patscht das Ruderblatt.
Die gleichen Wogen streifen, weichen vorn
Und fallen hinten, wo der Möwen Zorn
Sie schmäht, matt, hingemäht, ins glatte Schwad.

Dann steift der Wind. Er gibt die Brise doppelt
Und schmeißt die hellen Wasserhaufen steiler,
Wie ein Pikeur die Meute noch gekoppelt

Voll Gier losläßt; allein der starke Keiler
Stockt, steht, stößt einmal in die Runde
Entblößter Zahnreihn und zerfetzt die Hunde.

Erstveröffentlichung:
Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 36 (4. Sept)


Sea-Journey at Night

These winds have tails made of a dozen gulls.
They beat the air with hollow whistling shrieks.
The sea rolls strangely forward, then it breaks
To bits and polishes the spines of shoals.

Our sail begins to crack. The oar-blade beats
Those self-same waves, which first yield at the bow
Then fall away behind, where gulls allow
Their wrath to mow them flat as sickled wheat.

The wind picks up. It doubles the breeze and stacks
Bright water-mountains steeper than before,
Just like a huntsman who’s unleashed his pack

Of maddened dogs; but unafraid, the boar
Will bare its teeth and stop to look around,
Then rip the flesh out of the baying hounds.

Lyrics by Paul Boldt in English Translation
by Daniel J. Webster


Navigation nocturne

Queues de douzaines de mouettes, les vents,
Siffles sourds, fouettent l’air.
Et d’un roulement dur, la mer
S’empare, se brise, récure les récifs glissants.

La pale frappe, la voile crisse.
Les vagues frôlent l’avant et à l’arrière
Retombent, où la colère
Des mouettes insulte sa houaiche lisse.

Soudain raidie, la brise redoublée,
Le vent projette les masses claires plus âprement
Tel un piqueur qui, meute muselée,

La lâche, avide. Pourtant le sanglier puissant
S’immobilise, puis il affronte soudain,
Babines retroussées, et déchire les chiens.

© 2005-11 Eberhard Scheiffele (Traductions de 22 poèmes de Paul Boldt)